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Trotz Corona noch Reisen? Pirat Ben erzählt vom Reisen und dem Bau seines Camper-Vans.

Ein Deal von , 19. Dez. 2020 15.00 Uhr

Wenn wir einen Jahresrückblick wagen, sind wir uns in diesem Punkt zumindest sicher alle einig: Dieses Jahr war definitiv kein befriedigendes Jahr für Reisebegierige. Viele stornierte Flüge, Reisewarnungen, geschlossene Grenzen... doch einer unser Piraten hat aus der Not eine Tugend gemacht und seinen eigenen Campervan gebaut, um damit durch Europa zu fahren.

Ben, Content Writer bei den Urlaubspiraten, ist mehrere Monate im Sommer und Herbst mit dem Van unterwegs gewesen. Er verrät uns unter anderem, wie der Do-It-Yourself-Bau mithilfe von Youtube-Tutorials funktioniert, in welchen Ländern Europas man besonders gut mobil arbeiten und reisen kann und wie man die schönsten Stellplätze am Meer findet.


Die Idee

1) Ben, du hast die letzten Monate hauptsächlich in deinem Campervan verbracht. Wie kam es dazu, dass du dich entschlossen hast, einen Van zu kaufen und damit auf reisen zu gehen?

Ich habe schon seit Jahren davon geträumt, mit dem eigenen Van durch die Welt zu ziehen, doch aus Kosten- und Zeitgründen das Ganze immer wieder aufgeschoben. Fakt war, ich wollte den unbedingt selbst ausbauen und keinen fertigen "Plastikvan" von der Stange haben. Dann kam 2020, Corona, der erste Lockdown und die damit verbundene Kurzarbeit. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht, mein altes Auto verkauft, mir einen gut gebrauchten Fiat Ducato gekauft und die viele Freizeit in den Ausbau gesteckt.

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Der Umbau

2) Dein Van war ursprünglich gar kein Wohnmobil. Was hast du alles gemacht, damit er reisetauglich wurde?

Genau, ursprünglich hat der Van einem Elektriker gehört. Somit kaufte ich also einen komplett leeren Kastenwagen, der reisetauglich gemacht werden musste.

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Als erstes habe ich noch ein großes Seitenfenster, sowie eine Dachluke und einen Ventilator eingebaut, dann ging es an die Dämmung und die Vorbereitung für die Elektronik. Ist die Verkleidung erstmal dran, gestaltet es sich nämlich äußerst schwierig noch die ganzen Kabel dahinter zu verlegen. Nachdem das geschafft war, ging es an die Verkleidung. Fichtenprofilholz war hier das Material meiner Wahl. Leicht, günstig und einfach zu verarbeiten. Klar, die Saunaoptik muss man mögen, aber das tu ich und finde es einfach unglaublich schön in einem "Raum" sitzen zu können, der komplett aus Holz ist. Der nächste Schritt war der Bau des Bettes. Hier entschied ich mich, trotz meiner Körpergröße von 1,87m, für die Variante quer zu schlafen. Mit einigen Tricks und Aussparungen in der Verkleidung ist das nämlich möglich. Somit bleibt mehr Platz für den Rest. Unter dem Bett ist übrigens die "Garage", zum Verstauen von allem möglichen Stuff – super praktisch.

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Nach dem Bett ging es bei mir an die Elektronik. Solaranlage auf's Dach, Ladebooster, Batterie, Wechselrichter, Landstromanschluss und und und...Vor dem Umbau waren das für mich noch Fremdwörter gewesen, doch nach gefühlt 100 Stunden Youtube steigt man langsam dahinter, wie es funktioniert. Im Anschluss ging es dann zu den Sitzen, dem ausziehbaren Tisch, der versteckten Toilette (unter dem Sitz) und der Standheizung. Das ging, unerwartet, aber erstaunlicherweise recht zügig.

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Die große Herausforderung war zum Schluss noch die Küche. Hier wurde es eben immer weniger Platz und somit kämpfte ich um jeden Zentimeter mehr, den ich für meine Arbeitsplatte bekommen konnte. Da ich mich gegen eine Dusche und einen Boiler entschieden hab, gab's nur eine Spüle mit Kaltwasser, was aber bisher immer völlig gereicht hat. Dazu noch einen 30L Frischwasser- und einen 30L Abwasserkanister, eine ausziehbare Kühlbox und einen portablen Spirituskocher. Für letzteres hatte ich mich entschieden, da ich kein Gas im Van haben wollte und eine Induktionsplatte samt riesiger Solaranlage und dementsprechend riesiger Batterie einfach das Budget gesprengt hätten. Spiritus bzw. Ethanol bekommt man überall günstig zu kaufen und funktioniert genauso gut.

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Am Ende gab's noch ein paar Kleinigkeiten zu machen, aber dann war's das "plötzlich" schon. Nach gut 10 Wochen war ich fertig und konnte es kaum fassen – ein wirklich unbeschreibliches Gefühl!

An dieser Stelle auch noch mal ein riesengroßes Dankeschön an meinen Vater und meine Freundin, die mich tatkräftig unterstütz haben und vor so mancher Verzweiflung bewahrt haben :)

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3) Was waren die größten Herausforderungen beim Umbau?

Das Thema, was mir wirklich am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat, war die Elektrik. Wie bereits erwähnt hatte ich wirklich absolute keine Ahnung davon und noch nie etwas in die Richtung gemacht. Ok, ich hatte zuvor auch noch nicht großartig mit Holz gearbeitet oder irgendwas anderes Handwerkliches gemacht, aber das war halt Learning by Doing und wenn man sich versägt hatte, ging's halt mit dem nächsten Brett weiter. Aber die Elektrik musste genau aufeinander abgepasst werden. Ein Fehler und am Ende gibt's einen Kurzschluss und das war's. Daher verbrachte ich wirklich Ewigkeiten auf Youtube, in irgendwelchen Foren im Internet und auch in Facebookgruppen, die sich mit der Materie beschäftigen. Als ich am Ende alle Sicherungen rein steckte und mein "Konstrukt" anschaltete war ich überglücklich, dass alles funktionierte und mir der Spaß nicht um die Ohren flog. Es ist erstaunlich, was man sich alles beibringen kann, wenn man die nötige Motivation und Zeit, sowie ein bisschen Selbstvertrauen hat :)

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Die Reise

4) Du warst insgesamt knapp 3,5 Monate mit dem Van unterwegs. Wo bist du überall gewesen und was waren deine Highlights?

Mein Ziel war es schon immer, irgendwann mal bis ans Nordkap zu fahren. Was bietet sich da besser an, als direkt nach dem Vanausbau im August zu starten. Somit ging es erstmal Richtung Ostsee. Schwerin, Lübeck und Flensburg waren die ersten Stopps in Deutschland, wovon mich Schwerin echt schwer begeistert hat. Das Stadtschloss ist einfach traumhaft, der Dom gewaltig, die Altstadt super idyllisch mit lauter kleinen Gassen und die Preise sind auch human, also nicht so überteuert wie in den meisten typischen Sightseeingstädten. Weiter ging es dann durch Dänemark und im Anschluss mit der Fähre nach Norwegen, wo ich auch die meiste Zeit des Trips verbrachte. Dank Remote Work / Home Office gab es auch keinen Zeitstress und ich konnte viele Highlights des Landes erkunden. Für mich die 3 schönsten Erlebnisse: Die Wanderung zur Trolltunga, die Lofoten an sich und natürlich das Erreichen des Nordkaps. Falls ihr noch mehr erfahren wollt, schaut euch am Besten meine "Von Berlin ans Nordkap" Serie an.

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Relativ straight ging es dann durch Finnland und Schweden wieder zurück nach Deutschland. Insgesamt war ich etwas mehr als 7 Wochen bei diesem Trip unterwegs. Und das merkte ich auch, als ich wieder zuhause war. Ein komisches Gefühl nicht mehr jeden Tag woanders zu sein und sein altes, (un)gewohntes Umfeld wieder um sich herum zu haben.

Dementsprechend hielt ich es nicht lange aus und brach knapp 2,5 Wochen später wieder auf. Ins Warme sollte es gehen. Ich wollte einfach dem verregneten Herbst in Deutschland entkommen. So beschloss ich nach Italien zu fahren. Eigentlich war nur bis Venetien geplant, aber dort war es immer noch zu kalt und regnerisch, daher fuhr ich weiter und weiter und weiter. Am Ende, ja fast wortwörtlich, war ich in Apulien angekommen, also fast am Ende des Stiefels.

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Hier verbrachte ich ein paar ruhige und entspannte Wochen am Strand, genoß die italienische Sonne, Temperaturen um die 21 Grad und jede Menge Pizza. An den Wochenende war dann immer Sightseeing angesagt. Vor allem Alberobello, Ostuni und Lecce waren hier meine Highlights. Jede Stadt ist auf ihre Weise ganz besonders und sollte auf keinem Apulienroadtrip fehlen.

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Als das Wetter etwas kühler wurde (17 Grad) und auch die Coronasituation vor Ort ernster wurde, beschloss ich mich wieder Richtung Deutschland aufzumachen. Auf dem Rückweg stoppte ich noch in San Marino und Venedig, welche beide auch wirklich traumhaft waren. Vor allem Venedig fast ohne Touristen zu erleben, war eine echt außergewöhnlich schöne Erfahrung. Und auch der Rückweg, durch das mittlerweile verschneite Österreich war zwar kalt (-6 Grad) und ein enormer Kontrast zu den letzten Wochen, aber irgendwie auch cool! Geplant waren übrigens nur 2 Wochen Herbstauszeit in Italien. Nun ja, am Ende waren es 6 Wochen :D


Der Rückblick

5) Was hast du dir beim Reisen mit Van schwieriger vorgestellt und was ist bis heute noch herausfordernd für dich?

Definitiv schwieriger vorgestellt hätte ich mir Schlafplatzsuche. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht der typische Camper bin, der nur Campingplätze anfährt, sondern gern frei steht. In Norwegen ist das zwar erlaubt, aber in Italien zum Beispiel nicht. Daher muss man immer schauen, dass man nicht ganz "auf dem Präsentierteller" steht, was aber erstaunlich gut funktioniert hat. Es gab nie Probleme mit der Polizei oder Anwohnern. Richtig hilfreich ist auch die App "park4night". Hier sind neben allen möglichen Campingplätzen und Parkplätzen auch viele schöne Plätze in der Natur hinterlegt, was die Suche DEUTLICH vereinfacht.

Richtig herausfordernd ist eigentlich nichts wirklich. Gerade in Norwegen gab es kaum Probleme. Das Internet war überall hervorragend, also der Empfang von meinem mobilen Router, es gab super viele kostenlose Möglichkeiten das Wasser aufzufüllen bzw. das Grauwasser zu entsorgen und da man sowieso überall campen darf, hatte ich auch keinerlei Probleme mit der Stellplatzsuche. In Italien sah es zwar in allen Punkten etwas schwieriger aus, da die Saison vorbei und Corona präsent war. Aber im allgemeinen ging das auch ganz gut. Vielleicht der "Wassersuche" Punkt war etwas komplizierter, aber auch nicht unmöglich.

6) Hattest du mal eine lustige oder verrückte Reisepanne mit deinem Van?

Haha, ja. Wir standen eine Nacht in der Nähe von Alesund, in Norwegen, direkt am Meer und hatten nicht bedacht, dass es Ebbe und Flut gibt...Somit stellte ich nachts, als ich raus auf Toilette wollte, fest, dass wir bereits ca. 10 cm tief im Wasser standen. Zum Glück konnten wir also noch rechtzeitig reagieren und uns etwas weiter weg vom Wasser stellen, sonst wäre der nächste morgen ziemlich nass geworden.

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Wie geht es weiter?

7) Du bist zurück in deiner Stadtwohnung und der Winter ist im Anmarsch: Wird das Vanleben jetzt erstmal - im wahrsten Sinne - "aufs Eis" gelegt oder hast du auch im Winter ein paar Reisen damit geplant?

Das ist eine sehr gute Frage! Denn bei der Rückreise aus Italien habe ich in Österreich und Südbayern schnell gemerkt, dass es, wenn man die Heizung nur mal für ein paar Minuten ausschaltet, sehr schnell sehr kalt im Van wird. Somit müsste die Standheizung eigentlich 24/7 laufen, wenn man im Winter unterwegs sein möchte. Nach Weihnachten möchte ich es trotzdem mal wagen und ein paar Tage in den Schnee fahren, vorzugsweise in den Harz. Aber weitere Reisen mit dem Van im Winter sind, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, noch nicht geplant. Ich denke mal, dass es dann ab März / April wieder losgeht. Dann würde ich gern Richtung Griechenland fahren und die ganzen Länder auf dem Weg dorthin besuchen (Kroatien, Montenegro, Albanien etc.). Allerdings muss ich auch erstmal schauen, wie sich Corona bis dahin entwickelt und ob die Grenzen dann überhaupt offen sind.

8) Beruflich bei den Urlaubspiraten beschäftigst du dich überwiegend mit Flug- und Hotel-Reisen. Planst du in Zukunft auch wieder auf diese Art zu reisen?

Selbstverständlich kehre ich den Flugreisen nicht komplett den Rücken zu. Aber es ist halt ein ganz anderes Reisen, wenn man mit dem Van unterwegs ist und Zeit hat. So zahlt man zwar mehr für die Anreise, da der Diesel meist teurer als ein Flug ist, aber dafür wird es quasi günstiger, je länger man bleibt, da man ja kein Hotel bezahlen muss. Generell möchte ich aber in Europa lieber mit den Van unterwegs sein und nur für Langstreckenziele ins Flugzeug steigen. Ende Januar steht evtl. Mexiko auf meiner Liste, was mit dem Van eher schwierig umzusetzen wäre :D

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